Die Nächte der Tino von Bagdad

Die Nächte der Tino von Bagdad sind orientalische Phantasien[A 1] von Else Lasker-Schüler, die 1907 als zweiter Prosa­band der Autorin im Axel Juncker Verlag in Berlin, Stuttgart und Leipzig unter dem Titel Die Nächte Tino von Bagdads erschienen.
In ein paar der neunzehn, durchweg kurzen Episoden – zelebriert von der Ich-Erzählerin Tino, der „Dichterin Arabiens“ – fließt in der näheren Umgebung des Harems zur Genüge Blut. Else Lasker-Schülers Orient umspannt das halbe südliche Mittelmeer; reicht von Marokko bis Philippopel.

Zeit und Ort sind angegeben: Tino, die erwachte steinalte Mumie, tanzt drei Tage nach der Regenzeit am Nil­ufer. Tinos Hals ist über und über perlengeschmückt und ihr Ohr verziert ein Steinring. Die Tänzerin reckt und streckt sich viper­schnell.
Das Geschehen spielt sich gleichsam auf Königsebene ab. Tino gehört den gekrönten Häuptern an. Schlanke Sklavinnen behüten und bedienen sie. Der Khedive unterhält Tino mit Freudenfesten. Sie erwartet die Rückkehr Senna Paschas.[A 2] Blau dominiert nicht nur in dieser Episode als Farbe, sondern verstreut über den ganzen Text hinweg. Blaue Wände im Harem; von einem blauen Schwan, blauen Träumen, blauen Haaren, einem blauen Kuss und einer blauen Nacht ist die Rede.[A 3]
Der liebenswürdige ägyptische Fürst Plumm Pascha sah Tinos Sohn Pull am Tigris­ufer in Bagdad auf einem weißen Elefanten reiten. Seitdem leben Tino und Pull bei Hofe in der Stadt an den Katarakten. Plumm Pascha hat Pull mit seinen sechs Monate alten Zwillingsprinzessinnen verheiratet. Tino kann wohl nicht anders – sie wird die neunundsiebzigste Frau Plumm Paschas werden.
Ortswechsel. In Bagdad fließt das Blut in Strömen. Immer wenn Tinos Onkel – der Kalif Ached Bey – mit seiner großen Hand winkt, wird ein Sohn „edler Mohammedaner­geschlechter“ Landesverrats wegen enthauptet. Andertags weilt der Kalif bei Allah. Der Oheim – in Jugendzeiten hatte er die Jüdin Naëmi geliebt – „liegt im Palast tot auf seiner großen Hand“. Im Tanzen wirbelt Tino, „Bagdads Prinzessin“ Wüstenstaub auf und tanzt über Meereswellen. Das Volk verstummt.
Tino, die tanzende Mumie, errichtet Jehova singend einen Tempel aus Himmelslicht.
Tino, inzwischen am Hofe ihres Onkel, des marokkanischen Königs Sultan Ali Mohammed, tanzt – nur notdürftig bekleidet – mit ihrem 16-jährigen Cousin Minn. Tinos Vater, der weißbärtige Mohammed Pascha, kennt kein Erbarmen. Die allzu genau hingesehen haben, werden auf der Stelle bestraft. Den schwarzen Dienern werden die Zungen durchbohrt und die Edelleute werden geblendet. Dem schrecklichen Strafgericht steht der königliche Onkel nicht nach. Tino meint, der Sultan habe Minn die Glieder zerrissen.
Zurück nach Ägypten: Mit dem Fakir ist nicht zu spaßen. Paarmaliges Begrabensein hat er überlebt und währenddessen „die Kräfte der Erde gesammelt“. In Theben blutet jede gebärfähige, blühende Frau unausgesetzt, nachdem sie der Fakir mit seiner fleischlosen Hand berührt hat. Tino möchte dem „frommen Werk“ Einhalt gebieten und kniet vor dem Erbarmungslosen nieder. Der Fakir will als Gegenleistung Tinos Fingerring. Sie lehnt ab, denn der Ring hat einen Stein. In dem trägt Tino den Himmel. Zur Strafe lässt der Fakir alle Frauen Thebens bluten.
In Kairo erhebt der Khedive Tino, die Tochter des weißbärtigen Mohammed Pascha, über alle seine Frauen. Als der Khedive mit ihr tanzen möchte, ist die Mumie einmal vorübergehend gestorben.[A 4]
Doch ungeachtet ihres Todes agiert die tanzende Mumie Tino quicklebendig weiter; liebt Abdul Antinous, den Sohn des jüdischen Feldherren Bor Ab Baloch.
Philippopel, der Bosporus und Konstantinopel erscheinen als eine Gegend. Tino will ihren Cousin Hassan lieben, teilt aber das Schicksal des Großmoguls. Von einem Insekt auf die Zunge gestochen, wird die Dichterin sprachlos. In Versen kann sie allerdings noch sprechen. Als Tino endlich die Umgangssprache wiedergefunden hat, wird sie das Sprachrohr des stummen Herrschers. Aber ihre Worte – Verbiegung und Verbesserung des Herrscherwillens artikulierend – missfallen. Der Großmogul wirft sie aus seinem Reichspalast und sie sinkt zur Eseltreiberin herab. Ihr wunderherrlicher Cousin Hassan, den sie lieben wollte, kann sie nicht mehr erkennen.
Tino küsst den schönen Griechenknaben Apollydes im Garten des Königs Amri Mbillre in der namenlosen Stadt. Tino und Apollydes lieben sich. Der Griechenknabe wird vom König dafür bestraft.
Lîlame hatte ihrem Gemahl – dem Großwesir von Konstantinopel – Mêhmêd geboren, einen Jungen mit hellblauen Haaren. Seiner Haarfarbe wegen wird der Kleine vom Volke verlacht. Als Mêhmêd herangewachsen und der Tag des großen Köpfens gekommen ist, will er sich an den Lachern aus der Volksmenge rächen. Aber die Köpfe rollen nicht. Mêhmêd demütigt jeden Lacher öffentlich und schickt ihn dann nach Hause.
Methusalem stirbt in seinem 969. Jahr an dem Tage, als seine Amme Mellkabe bestattet wird. Henoch, das ist Methusalems Vater, hält in Gestalt eines Raben[A 5] beim Verstorbenen Totenwache. Methusalems jüngster Sohn Grammaton ist Dichter. Seine beiden 500-jährigen Brüder bringen ihm bei, dass das väterliche Erbe wohl halbierbar, doch nicht durch Drei teilbar sei. Grammaton hasst nun die Brüder und rottet das ganze Geschlecht Methusalem aus.
Else Lasker-Schüler schrieb gegen das Missverständliche in ihrem Text an das Ehepaar Franz und Maria Marc: „Ihr meint ich sei ein sexueller Mensch, Ihr kennt mich nicht…“
Im Artikelkopf wurde von der Ich-Erzählerin Tino gesprochen. Das stimmt nicht ganz. Wenn Tino beim Namen genannt wird – zum Beispiel in der Episode Der Khedive – verlässt die Erzählerin vorübergehend den Ich-Standpunkt.
Der Text bleibt streckenweise beim ersten Lesen unklar. Zum Beispiel tritt in der Episode Der Magier kein Zauberer auf. Erst als nach ihm gesucht wird, folgt die Erkenntnis: Abduls Vater ist der Magier. Allein sein Feldherrenblick lässt die Stadttore der Feinde stürzen.